Christoph Hampe | 21.06.2017 | Lesezeit: 6 Minuten

Endlich sind sie da – die Ergebnisse der größten europäischen Jugendstudie, die jemals durchgeführt wurde. Am 5. April 2017 wurde der offizielle Abschlussbericht zur Studie, an der sich über eine Million Jugendliche zwischen 18 und 34 Jahren aus 35 Ländern Europas beteiligt haben, vorgestellt. Das Projekt wurde von der EBU (Europäische Rundfunkunion) koordiniert und durch den Bayerischen Rundfunk, das ZDF und den SWR begleitet. Das SINUS Institut hat in Zusammenarbeit mit den Rundfunkanstalten die Ergebnisse der ca. 160.000 deutschen Befragten zusammengestellt.

Bei der Studie handelt es sich um eine Weiterentwicklung der „Génération Quoi“, einer groß angelegten Studie, die in Frankreich im Jahr 2013 durchgeführt wurde. 2016 kamen dann weitere Länder hinzu, um sie zur größten Jugendstudie Europas zu machen. Neben den Beneluxländern wurde die Studie beispielsweise auch in Tschechien und Polen durchgeführt.

Sie soll in erster Linie Aufschluss bezüglich der Werte und Ansichten der jungen Generation zu unterschiedlichsten Themenbereichen geben. Neben Fragen zu Arbeit, Ausbildung und Europa stellte man auch hierzu auch Fragen aus dem persönlichen Bereich, etwa zu Freundschaft, Liebe und Sex, sowie zum Vertrauen in und der Einstellung zu Institutionen, Politik und Gesellschaft.

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Nie war eine Generation schwerer mit Worten zu beschreiben als die heutigen 18- bis 34-Jährigen, also die zwischen 1983 und 2000 Geborenen. Schriftsteller, Soziologen, Trendforscher, Journalisten und natürlich wir Werber begannen in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts, jeder Altersstufe und jedem Lebensgefühl einen Stempel aufzudrücken. Letztlich drücken die Begriffe wie „Generation Praktikum“, „Generation Facebook“, „Generation MTV“ und Co. allerdings nur recht schwammig aus, wer zu dieser Generation gehört und warum.

Die europäische Jugendstudie erhielt daher den passenden Titel „Generation what“ – ja, was eigentlich? Können wir die heutigen 18- bis 34-Jährigen tatsächlich so einfach labeln, sie „Generation Snapchat“, „Generation Always On“ oder „Generation Hipster“ betiteln? Vielleicht tragen die Ergebnisse der Jugendstudie ja dazu bei, dass wir uns einem Generationenbegriff – sofern ein solcher überhaupt gebraucht wird – zumindest annähern können.

Denn die Jugendlichen wurden gebeten, zusätzlich zur Beantwortung der 149 Fragen im Fragebogen noch einen Sammelbegriff für ihre Generation vorzuschlagen.

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Die Fülle der Antworten macht auf den ersten Blick klar: einig sind wir uns da nicht.

Generation Pessimismus – echt jetzt?

Da ich mich selbst als einen Vertreter dieser Generation sehe, möchte ich zunächst die Begriffe „Unentschlossen“, „Ungewiss“, „Überfordert“, „Angst“, „Rastlos“, „Egoismus“ und „Möglichkeiten“ hervorheben. Klingt alles ziemlich negativ. Sind wir jungen Leute wirklich so pessimistisch, was unser Leben und die Zukunft angeht?

Zum Teil schon. Beispiel Arbeit: für 60% der Jugendlichen ist sie tatsächlich nur notwendiges Übel, um in einer immer materialistischer werdenden Welt zu bestehen. Denn wir können uns in unserer Arbeit immer weniger selbst verwirklichen. Diese Einschätzung ist bei dem Anteil der Befragten, die bereits in Lohn und Brot stehen, noch weiterverbreitet als bei Jugendlichen, die sich noch in Ausbildung oder Studium befinden.

Ganz klar – die Bezahlung im Job sollte entsprechend unserer Qualifikation ausfallen. Die Punkte „Selbstverwirklichung“, „persönliche Erfüllung durch den Beruf“ spielen allerdings eine entscheidende Rolle für uns, wenn es darum geht, ob sich unser Einsatz bei der Arbeit auch lohnt. Alle Jugendlichen, denen ihr derzeitiger Job wichtig ist, schauen prinzipiell auch optimistischer in die Zukunft.

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Wird der eigenen Tätigkeit jedoch nur ein geringer Stellenwert beigemessen, liegt dies in der Regel an der Unzufriedenheit mit der eigenen Arbeitssituation, aus der dann auch Veränderungswünsche und Unsicherheiten resultieren. Auffällig ist zudem, dass die Hochgebildeten (Abiturienten und Studenten) eher der Gruppe der Optimistischen zugeordnet werden können. Die geringer Gebildeten blicken insgesamt pessimistischer in die Zukunft.

Wir jungen Leute üben in diesem Zusammenhang harte Kritik am Bildungssystem. Nur 1 % der Befragten ist davon überzeugt, dass das Bildungssystem sie gut auf das Arbeitsleben vorbereitet. Dagegen fühlen sich 45 % überhaupt nicht richtig auf das Arbeitsleben vorbereitet.

Ich sehe hierbei allerdings nicht nur die Politik in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass junge Menschen innerhalb der Bildungseinrichtungen auf die Zukunft vorbereitet werden. Auch Unternehmen und Verbände sollten nach besten Wissen und Gewissen auf die Arbeitswelt vorbereiten – etwa mit gezielten und detailliertem Recruiting. Oder indem sie Auszubildenden und Absolventen bereits frühzeitig die Gelegenheit zur Selbstverwirklichung geben. Sie an die Hand nehmen und den Weg mit ihnen gemeinsam gehen.

Wenn Unternehmen, Einrichtungen, Politik und Verbände also auf diese veränderte Stimmungslage innerhalb der jungen Generation reagieren und entsprechende Maßnahmen ergreifen, wird uns das wesentlich optimistischer stimmen. Wir können und wollen mehr als Kaffee kochen und Korrektur lesen – versprochen! ;-)

Lügenpresse!

Immer wieder hört und sieht man einige Vertreter der „Generation what“, die offen die vermeintlich falsche Berichterstattung in den Medien kritisieren.

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Wie stehen wir aber tatsächlich zu den Medien? Vertrauen wir ihnen? Die Antwort ist klar: jein. Das Vertrauen in die Medien hängt weniger vom Alter und dem Geschlecht als vom Bildungsstand ab. Nur ca. 30 % der Niedrig- und Mittelgebildeten vertrauen den Medien mehr oder weniger. Bei den Hochgebildeten sind es immerhin 42 %. Das liegt vor allem daran, dass die Höhergebildeten weniger unterhaltende Medien und Presseerzeugnisse konsumieren und lieber seriösere Quellen auswählen. Zudem fällt den Höhergebildeten die kritische Betrachtung der Artikel leichter.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Tatsache, dass in der Gruppe der Höhergebildeten immer mehr „irgendwas mit Medien“ arbeiten oder schlicht durch den Bekannten- und Freundeskreis einen besseren Überblick über die Medienwelt haben. Übrigens: trotz Thügida, Pegida, Legida und Co. unterscheidet sich das Vertrauen gegenüber den Medien in den neuen Bundesländern kaum gegenüber dem in den Alten. Tatsächlich sagen die Jugendlichen im Osten sogar etwas öfter (34 %), dass sie den Medien Vertrauen schenken (Westdeutschland: 30 %).

Trotz Unzufriedenheit blicken wir insgesamt optimistisch in die Zukunft

Trotz vieler Missstände, die uns unsicher in Bezug auf unsere Zukunft machen, blicken wir mehrheitlich (58 %) doch optimistisch in die Zukunft.

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Woher dieser Optimismus kommt, versucht die Studie wie folgt zu erklären:
„Eine Antwort bietet der Blick auf die Ereignisse, die diese Generation geprägt haben: Der 11. September 2001, das Platzen der Internetblase, der Crash der Finanzmärkte, die Klimaproblematik und zuletzt die Flüchtlingssituation – die heute 18- bis 34-Jährigen sind krisenerprobt und haben gelernt, pragmatisch mit Ungewissheiten umzugehen. Dazu kommen die rasanten technischen Entwicklungen, die den jungen Menschen eine enorme Anpassungsfähigkeit antrainiert haben. Die Mehrheit der heute 18- bis 34-Jährigen weiß, dass sie gut mit Schwierigkeiten umgehen kann, und blickt trotz gesellschaftlicher Missstände optimistisch in die Zukunft. So sagen drei von Vieren, dass man das eigene Schicksal selbst in der Hand hat, und 82 Prozent sind der Meinung, ‚wo ein Wille ist, ist auch ein Weg’.“

Fazit

Ich bin der Meinung, dass sich unserer Generation in der Tat keinen Stempel mit einem tollen Generationsbegriff für alle aufdrücken lässt. Wir alle sind und bleiben verschieden. Weil sich zudem das Mediennutzungsverhalten gegenüber früheren Generationen stark verschoben hat und eine Hands-on-Mentalität vorherrscht, wird es für Unternehmen und Marken zunehmend schwieriger, die Zielgruppe der 18- bis 34-Jährigen gezielt und adäquat anzusprechen und zu loyalisieren. Ganz egal, ob Sie Produkte oder Dienstleistungen verkaufen oder geeignete Mitarbeiter finden möchten – berücksichtigen Sie die Wünsche, Ängste und Ziele der „Generation what“.

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Ich persönlich würde uns übrigens „Generation Diversity“ nennen. Nachdem ich mich intensiv mit den Ergebnissen der Studie auseinandergesetzt habe und auch meinen Freundes- und Bekanntenkreis ansehe, beschreibt uns das Wort „Vielfalt“ am besten.

Alle Ergebnisse der Studie finden Sie außerdem hier und die Zusammenfassung der Deutschen Ergebnisse hier.

Ansätze, wie Sie die Generation der 18-34 Jähren für Ihr Produkt oder Ihre Dienstleistung gewinnen, lesen Sie in meinem kommenden Blogartikel „Endlich raus aus der Badewanne.“.

Eine sehenswerte Dokumentation zum Thema auf ZDFinfo können Sie sich hier auch noch einmal ansehen.

Wie würden Sie diese Generation betiteln? Schreiben Sie es uns in den Kommentaren. Ich bin gespannt auf Ihre Ansichten.

 

Quellen:
http://www.br.de/presse/inhalt/pressedossiers/generation-what/generation-what-endergebnisse-102.html
http://www.generation-what.de/

Fotos:
Image courtesy of nenetus at FreeDigitalPhotos.net
http://www.generation-what.de/