Henry Köhlert | 27.04.2017 | Lesezeit: 10 Minuten

Es gibt ihn wirklich – den Friedhof der Ideen. Er liegt im Erfurter Süden. Genauer: In der ersten Etage einer Jugendstil-Villa aus der Jahrhundertwende, 24 Stufen über dem Parkett im Erdgeschoss. Der Friedhof befindet sich ganz hinten, Blick auf den Garten. Er ist klein, aus Pappe, passt in einen Schuhkarton und steht in der dritten Reihe eines Regals im Büro eines Kreativdirektors. Auf den weißen Kreuzen steht: „Du warst so schön“. „Schöne Idee“. Oder: „Also ich fand’s super“. Jedes Kreuz steht (natürlich symbolisch) für eine gestorbene Idee. Alle waren einst im Hirn des Kreativdirektors geboren worden, um die Produkte der Kunden von Diemar Jung Zapfe zu bewerben. Sie haben den harten Kampf um die beste Idee nicht überlebt. Der tägliche Showdown in der umkämpften Werbebranche...

Ein ganz normaler Montagmorgen, 7:55 Uhr. Vor der hellen Villa an der schmalen, mit Kopfsteinen gepflasterten Richard-Breslau-Straße herrscht das übliche Parkchaos. Hupen, über Bordsteine fahren, in die Lücken quetschen. Während vor der Villa Autofahrer sich um Parkplätze streiten, schließt Monique Cotte die schwere Eichentür auf, durchquert den Empfang. Es ist herrlich still. Licht fällt durch die bunten Jugendstilfenster im Treppenhaus, ein Luftzug bewegt sanft die DIN A5-großen Zettel mit handgeschriebenen Sprüchen, die an einem Kronleuchter hängen. „Hör’ nie auf, anzufangen, fang’ nie an, aufzuhören“ liest man zuerst.

Monique Cotte ist – offiziell – Projektmanagerin. In Wahrheit ist sie in der Agentur vor allem der gute Geist. Auch ein wenig der Kompaniefeldwebel. Denn sie ist die, die auch die Urlaubsplanung der 30 Diemar Jung Zapfes organisiert. „Manchmal bin ich auch Kummerkasten“, sagt sie. Ohne Monique gäbe es keine frischen Äpfel, keine Blumen (an diesem Morgen sind es Tulpen), kein Wohlfühlambiente. Und – es gäbe auch keine Brötchen! „Um 8.30 Uhr geht bei uns die Arbeit los“, sagt sie. Ganz schön früh für kreative Menschen. „Wer will, kann vorher kommen und wir frühstücken gemeinsam.“

So sieht er also aus, der Friedhof der Ideen: Jedes Kreuz steht für eine Idee, die
einer besseren weichen musste...

So sieht er also aus, der Friedhof der Ideen: Jedes Kreuz steht für eine Idee, die einer besseren weichen musste...

Aufbruch ins Unbekannte

Das Angebot lockt: An diesem Montagmorgen treffen sich trotz Urlaubszeit und der für Werber viel zu frühen Stunde schon erste Kollegen im Frühstücksraum – ein Kreativdirektor aus dem Dachgeschoss, ein Projektmanager aus der ersten Etage, der Kreativdirektor mit dem Ideenfriedhof (ebenfalls erste Etage) und Monique Cotte aus dem Erdgeschoss. Es gibt Mohn- und Dinkelbrötchen, normale Semmeln, Butter, Konfitüre, Frischkäse – der Kaffeeautomat bietet fünf Kaffee- und zwei Kakaosorten an. „Fast wie bei einer Familie. Irgendwie sind wir hier ja auch eine“, sagt Monique Cotte.

„Der Montagmorgen ist immer besonders spannend“, sagt Daniel Riethmüller und greift zum Brötchen, „man weiß eigentlich nie, was einen in den kommenden Tagen so erwartet. Man glaubt immer, die Woche sei planbar – doch die Realität sieht meist anders aus.“ Sven Wicke denkt kurz nach, sagt: „Stimmt. Wenn ich etwas zu 100 Prozent beschließe, wird es wahrscheinlich nur zu 60 Prozent so ablaufen, wie ich es mir gedacht habe. An manchen Montagen habe ich das Gefühl, ich schaffe das, was ich mir vorgenommen habe, niemals. Aber dann klappt’s doch irgendwie.“ Seit elf Jahren gab es nicht eine Woche, in der er es nicht geschafft hätte.

Monique Cotte ist eigentlich Projektmanagerin, doch sie sorgt auch für das
Wohlfühlambiente in der Agentur. Wie hier mit Blumen und Vitaminen

Monique Cotte ist eigentlich Projektmanagerin, doch sie sorgt auch für das Wohlfühlambiente in der Agentur. Wie hier mit Blumen und Vitaminen

Das Problem mit den kreativen Gedanken ist, dass sie nicht auf Knopfdruck erscheinen. Und manchmal sind SIE so stur, dass SIE nur dann kommen, wenn SIE es wollen. „Eine meiner Lieblings-Ideen kam mir daheim auf der Couch – ich hatte eine Angina und habe deshalb lieber von zuhause aus gearbeitet“, sagt Daniel Riethmüller. Der Slogan, der im fiebrigen Hirn entstand, lautet: „Bus fahren ist die günstigste Bürgerbewegung“. Der Kunde, die Bus-Marketingkooperation, war begeistert.

8:30 Uhr, offizieller Startschuss des Arbeitstages. Es ist immer noch still in der Villa. Es wirkt, als ob die dunkle Holzverkleidung des alten Treppenhauses alle Geräusche schluckt. Kein hektisches Telefonklingeln, kein Gebrüll gestresster Chefs, keine Mitarbeiter, die im Laufschritt von Termin zu Termin eilen, keine top gestylten Sekretärinnen – so, wie es einem manche US-Filme vorgaukeln. Auch keine jungen Wilden, die vor Ideen sprühend kreatives Dauerfeuer verbreiten. „Wir sind nicht die 70-Stunden-Agentur“, sagt Frank Diemar, Gründer, Inhaber und Geschäftsführer der Agentur. „Wir wollen nicht, dass die Arbeit auf die Knochen der Kollegen geht. Wir haben hier viele Väter und Mütter, die auch noch ein Leben neben der Agentur haben.“ Stimmt – die 30 Mitarbeiter haben 25 Kinder. Ganz schön viel Familie.

Erfolg hat viele Väter, aber nur eine Mutter: Verantwortung

Diemars Büro liegt im Erdgeschoss. Wer glaubt, in diesen 30 Quadratmetern kreatives Chaos oder nobles Interieur zu finden, irrt. Und zwar gewaltig. Die Möbel: grau, zweckmäßig. Die Wandfarbe: weiß. Ein Samurai-Bild schmückt die Wand, ein anderes zeigt Angela Merkel mit Alditüte. Der Schreibtisch ist aufgeräumt. „Mir ist dieser Raum nicht so wichtig, auch der Status nicht. Eine gewisse Ordnung aber schon“, sagt er und blickt durch die fast zwei Meter hohen Fenster auf den Luisenpark.

„Wir haben uns alles selbst angeeignet. Von den Rechnungsdurchläufen bis hin zu den kreativen Prozessen“, sagt er. „Die Großen der Branche hatten alle ihre teuren Berater, wir haben es aus eigener Kraft gepackt.“ Man sieht ihm an, dass er stolz ist, es in dieser harten Branche, in der die Zukunft jeden Tag neu erfunden werden muss, geschafft zu haben. „Vor allem, dass wir unseren Mitarbeitern von Anfang an eine sichere Arbeit bieten konnten.“ Im Gegensatz zu manchen Mitbewerbern hat Diemar Jung Zapfe immer auf feste Mitarbeiter gesetzt: „Wir wollen langfristige Kunden, also brauchen wir auch langjährige Mitarbeiter, die sie begleiten.“

Manchmal braucht es eben auch kreatives Chaos, um ein stimmiges Konzept zu
entwickeln

Manchmal braucht es eben auch kreatives Chaos, um ein stimmiges Konzept zu entwickeln

Der Erfolg gibt ihnen Recht: „Wir haben etwa 30 feste Kunden, darunter vier, fünf Großkunden“, sagt Diemar. 100 Zielkunden in fünf verschiedenen Branchen, vom Versorger bis zu Unternehmen im Foodbereich, werden regelmäßig angesprochen. BORN (die Erfurter Senf- und Ketchup-Experten), die AOK, der sächsische Energieversorger ENSO, Kahla Porzellan, Jenapharm, LOTTO Thüringen, SCHOTT, die Sparkasse – die Liste der Referenzkunden ist bunt. Und umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass Diemar Jung Zapfe im Vergleich zu den großen Netzwerkagenturen kein Global Player ist.

Hinter dem Erfolg der Erfurter steckt System: „Die 30köpfige Mannschaft arbeitet straff organisiert nach definierten Abläufen“, steht auf der Homepage. Da braucht es kein kreatives Chaos, wie es einem die Vorurteile weismachen wollen. „Die Agenturen, die das machen, pflegen ein falsches Bild der Werbung“, sagt Diemar. „Wenn wir strukturiert vorgehen, schaffen wir alles – ohne falschen Stress.“ Obwohl er sich selbst nicht so ganz daran hält: „Es kommt oft vor, dass ich morgens mit einer Idee ankomme und dann will ich sie auch unbedingt sofort loswerden. Dann bin ich für meine Kollegen wahrscheinlich ganz schön anstrengend.“

Wie er an Projekten arbeitet, beschreibt Frank Diemar so: „Es ist wie im Atelier eines Malers, in dem die Gemälde in verschiedenen Schaffens-Phasen auf Staffeleien stehen: einige noch im Urzustand, also nur die nackte Leinwand, wieder manche mit der groben Komposition, dann die, die schon Gesicht haben und schließlich die fast fertigen Kunstwerke.“ Also Kreativität Schritt für Schritt. Dazu passen auch die drei K’s, die für die Arbeitsweise der Agentur stehen: Klarheit, Kontrast, Kontinuität.

Wenn schon kein Apple, dann wenigstens ein Apfel: der spritzige Vitaminlieferant
ist bei eng getakteten Besprechungen oft unverzichtbar

Wenn schon kein Apple, dann wenigstens ein Apfel: der spritzige Vitaminlieferant ist bei eng getakteten Besprechungen oft unverzichtbar

Kreativität mit System

8:55 Uhr. Kreativen Menschen hängt das Vorurteil an, ständig zu spät zu kommen. Das kann man Diemar Jung Zapfe nicht nachsagen – die Montag-Morgen-Konferenz mit den Kollegen in den Dependancen Leipzig und Dresden beginnt fünf Minuten zu früh. Sonnenlicht flutet in den Konferenzraum, der sich wie alle anderen Räume der Agentur präsentiert: bodenständig, nützlich, kein Schnickschnack. Gepflegtes Parkett, hell gestrichene Wände, dunkelblauer Teppich, dunkle Konferenz-Sessel mit hoher Rückenlehne, der Tisch lang und breit genug für zehn Personen. An der Nordseite steht die Trommel, die Broschüren und Homepage der Agentur schmückt – Botschaft: „Wir wirbeln für Sie“.

Via Skype wird konferiert: Stand der Urlaubsplanung, Neues vom Vertrieb, welches Projekt braucht wie viele Stunden und welcher Grafiker wird wem zugeteilt. Der Ton: zweckgebunden – nicht übermäßig spaßig, nicht wie beim Militär. Inhalte werden zielstrebig abgearbeitet. Man spürt: Die Menschen, die hier am Tisch sitzen und mit den Kollegen aus Dresden und Leipzig reden, haben noch viel vor an diesem Montag.

Schon eine halbe Stunde später die nächste Taktung – Grafikerrunde im ersten Stock. Über 24 Stufen, davon knarrt übrigens trotz des betagten Treppenhauses nicht eine einzige, geht’s vom Erdgeschoss nach oben zu den Kollegen bei Diemar Jung Zapfe, die hier Ideen visualisieren, den Gedanken ein Gesicht geben, eine Form schaffen.

Bernd Wolff ist schon seit 17 Jahren dabei. Er ist der Erfahrenste der sieben festen Grafiker, sein Apple (den hat in dieser Agentur jeder) steht in dem einzigen „Groß“raum der Agentur – vier Arbeitsplätze. „In meinem Job ist ein Drittel Inspiration, zwei Drittel Handwerk“, sagt er. „Wir machen viel gemeinsam, es gibt einen engen Zusammenhalt zwischen den Kollegen.“ Wie bei einer Familie eben. Seine Mannschaft muss funktionieren, damit die Kunden nicht irgendwann die Agentur wechseln: „Wir sind hier ein eingespieltes Team von Artdirektoren, Mediengestaltern und Grafikdesignern. Natürlich gibt es immer mal wieder Wechsel in der Belegschaft – und dann ist es schwierig, gute Nachfolger zu bekommen.“ Diemar Jung Zapfe hat auch das jedes Mal geschafft, sagt er. Und man sieht ihm an, dass er darauf auch ein klein wenig stolz ist.

So sieht es aus, wenn ein Konzept visualisiert wird. In dieser komplexen Kampagne
stecken mehr als 1000 Arbeitsstunden

So sieht es aus, wenn ein Konzept visualisiert wird. In dieser komplexen Kampagne stecken mehr als 1000 Arbeitsstunden

Fünf große Schritte weiter hat Kreativdirektor Sven Wicke sein Büro. Das hat das wohl schönste Ambiente in der Villa: Es ist zwar klein, aber der Blick geht nach Süden – raus auf Hof und Garten. Und wenn die Sonne scheint, flutet sie tagsüber fast immer in sein Büro. Sonnenseite eben.

„Ich kann am besten denken, wenn ich die Füße auf dem Fensterbrett habe“, sagt er. Er ist im Stress (obwohl man ihm das nicht ansieht): „Ich arbeite gerade an einem mittelgroßen Pitch, wir müssen in zwei Tagen abgeben.“ Keine Angst, dass irgendetwas schiefgeht? „Nein. Ich schaffe das so oder so.“ Auch hier kein kreatives Chaos. Obwohl – die Pinwand aus Glas, auf die Wicke seine Gedanken ganz in Schwarz geschrieben hat, ist nur von Eingeweihten zu entziffern.

Seit elf Jahren ist er an Bord: „Hier zu arbeiten ist mehr als ein Job.“ Und er ist stolz darauf. „Weil wir gute Qualität bieten, weil wir ein gutes Klima haben. Und weil es unser Ziel ist, zu unseren Kunden eine Partnerschaft aufzubauen. Eine Partnerschaft auf Augenhöhe.“ 50 Stunden, so schätzt er, arbeitet er pro Woche. Und es erscheint bei ihm logisch, dass sich sein Gehirn nicht so einfach abschalten lässt: „Natürlich habe ich am Wochenende über die Aufträge nachgedacht, das gehört doch dazu.“ Auch dass er morgens unter der Dusche Präsentationen durchgeht. Und, wie sind seine Kollegen so? Er zögert keine Sekunde: „Bestens. Klar gibt es hier auch Meinungsverschiedenheiten, fallen manchmal harte Worte. Wir alle nehmen kein Blatt vor den Mund und das ist auch gut so. Weil danach die meisten Probleme gelöst sind.“ Wie nach einem Gewitter.

Der rote Faden – ein guter Draht

Links vom Großraum und dem sonnigen Traumbüro liegt ein weiteres Chefzimmer. Es gehört Michael Zapfe, einem der Inhaber, hauptamtlich zuständig für Personal und Controlling. Wie seine Partner ist auch er Projektleiter für seine Kunden – „Alle Mitglieder der Geschäftsleitung sind ins Tagesgeschäft involviert und stehen als kreative Berater persönlich zur Verfügung“, liest man auf der Agentur-Homepage. Auch Zapfes Büro strahlt wie das seiner Kollegen eine Etage unter ihm eher nüchterne Sachlichkeit aus. „Büro ist für mich eben nur Büro“, sagt er. „Ich bin lieber bei den Mitarbeitern.“

Seit 27 Jahren ist er Partner bei DJZ. Wie lange noch? Noch mal 27 Jahre? Er lächelt. „Nein. Aber vielleicht noch zehn Jahre oder 15.“ Und wie war es früher? Am Anfang? „Da haben wir 60 Stunden gearbeitet, wollten möglichst viel selbst machen. Aber wir haben uns weiterentwickelt, spielen jetzt in einer anderen Liga. Und obwohl die Anforderungen stark gestiegen sind, der Wettbewerb härter als damals ist, sind wir gelassener geworden.“ Etwas ist gleich geblieben: „Das, was eigentlich Kraft kostet, ist die Verantwortung für die Mitarbeiter, ihnen über die Jahre hinweg eine Heimat zu geben – nicht unbedingt die tägliche Arbeit.“ Und woher nimmt er die Kraft? „Von meiner Familie“, sagt er. „Ohne die wäre das nicht möglich gewesen.“ Und irgendwie ist auch Diemar Jung Zapfe ein Teil davon: „Es ist ein schönes Gefühl, wenn ich morgens dieses Haus betrete.“

Interne Besprechung im schönsten Raum, den die Jugendstilvilla zu bieten hat –
der lichtdurchflutete Wintergarten

Interne Besprechung im schönsten Raum, den die Jugendstilvilla zu bieten hat – der lichtdurchflutete Wintergarten

Das familiäre Gefühl – es zieht sich wie der berühmte rote Faden durch die Agentur. Folgt man dem roten Faden vom Erdgeschoss, wo er sich durch ein Chefzimmer, Küche, Besprechungsraum, den Arbeitsplatz der guten Seele Monique Cotte und den Wintergarten schlängelt, trifft man in der ersten Etage auf das kleine, knapp zehn Quadratmeter messende Büro von Christoph Hampe.

Sein Auftrag? "Kunden glücklich und erfolgreich machen“, sagt er. „Und das ist für mich viel mehr als ein Job.“ Kein Wunder: der gelernte Kaufmann für Marketingkommunikation kann sein Organisations- und Kommunikationstalent hier jeden Tag voll ausspielen. Seit sieben Jahren im Team, betreut er nämlich nicht nur „seine“ Kunden hinsichtlich On- und Offline-Kommunikation, sondern kümmert sich auch noch um die Konzeption und Durchführung sämtlicher Digital Marketing-Aktivitäten für alle anderen Kunden der Agenturgruppe. „Mein Job ist sehr vielfältig – und immer spannend, weil man stets mit den aktuellen Trends gehen und dran bleiben muss…“, grinst er. Wo er Tag für Tag die Leidenschaft dafür hernimmt? „Ich hab’ mein Hobby zum Beruf gemacht. Jeden Morgen freue ich mich auf das, was der Tag bringt“, erklärt er. Und das glaubt man ihm sofort.

Kein Wunder, dass auch Christoph Hampe die familiäre Atmosphäre innerhalb der Agentur und mit den Kunden sehr schätzt. Wer ihn in seinem Büro besucht, wo er mitunter auch mal wild auf dem Swopper wippt, wird stets freundlich empfangen – und staunt darüber, wie wenig Papier sich hier findet. „Als Digital Native drucke ich nur das Allernötigste aus“, erklärt Hampe, der damit seinem Traum vom papierlosen Büro schon ziemlich nahekommt. Viel zu sehen gibt es dennoch: von den City-Cards mit lustigen Sprüchen an der Wand über dekorative Grünpflanzen bis zu mannshohen Pappsäulen – Kommunikationsmittel für einen Lotterieanbieter, den Hampe betreut. „Am liebsten hätte ich noch einen großen Bildschirm, auf dem ich meine digitalen Projekte ausstellen kann.“ Wir drücken die Daumen.

Tomate trifft Fahrrad

Folgt man dem roten Faden weiter, trifft man 20 Stufen höher auf Kreativdirektor Daniel Riethmüller. Von ihm stammen viele der Slogans und Headlines, mit denen sich Diemar Jung Zapfe einen Namen machte. „Aus dem Land des guten Geschmacks“ ist auch von ihm. „Liegt ja nahe: Nur Bayern und Thüringen sind einer Studie zufolge Länder, denen man Spezialitäten zuordnet.“ Da liegt es auch nahe, dass er den Flaschen BORN-Ketchup einen roten Aufkleber mit dem Hinweis verpasste: In keinem Ketchup gibt es mehr Tomatenmark als in dieser Flasche – nämlich 84 Prozent. „Ich hatte einfach mal die Inhaltsstoffe studiert und mit denen der Mitbewerber verglichen. Und am meisten Tomatenmark aller Ketchups – das ist doch was...“

Ideen zu entwickeln ist ein hartes Brot: „Schließlich sind wir im Arbeitsalltag stets von der Suche nach der genialen Idee getrieben, orientieren wir uns an den Allerbesten des Markts, ringen wir gemeinsam nach der optimalen Lösung. Das ist knallharte Arbeit. Manche Ideen fliegen einem zu, aber du musst auch bereit sein, dich zu quälen.“ Wie beim Slogan, den er für die Apothekerkammer Thüringen entwickelte: „Beratung ist die beste Medizin.“ (Erdacht beim Durcharbeiten des sehr umfangreichen schriftlichen Briefings).

Und wie ist es mit den Ideen, die einem zufliegen? „Dann muss man sofort das Handy dabeihaben, damit man sie nicht vergisst. Ich hab’ eine Extra-Liste für Ideen, die mir irgendwann irgendwo einfallen.“ Der Slogan „Thüringens revolutionärste Zellen sind grau“ (für die Landesorganisation der freien Träger in der Erwachsenenbildung) entstand spätabends beim Fahrradfahren.

Das benachbarte Büro ist leer. Projektleiter Holger Beyer ist nur per Telefon erreichbar – wegen eines Kundentermins arbeitet er heute vom Leipziger Agenturstandort aus. „Uns ist der direkte Draht zu unseren Auftraggebern sehr wichtig“, sagt Holger Beyer. „Nähe bedeutet für uns nie einfach nur kurze Wege, sondern vor allem eine gute Kundenbeziehung. Der persönliche Kontakt ist unschätzbar – weil er die Verstehens-Quote deutlich erhöht, beispielsweise bei einem Briefing. Dafür nehme ich die paar Bahnkilometer gerne in Kauf.“

Es gibt einen weiteren roten Faden, der sich durch die alte Villa schlängelt. Es ist diese Art angespannte Gelassenheit, die in allen Räumen spürbar ist. Ein gutes Beispiel, wie entspanntes, aber zielgerichtetes Arbeiten aussehen kann, gibt’s im Dachgeschoss: Um 10:15 Uhr begann hier eine Statusrunde. Einmal in der Woche kümmert man sich dabei nur um je einen großen Kunden. Via Skype ist heute Dresden zugeschaltet. Im kleinen Büro im Dachgeschoss sitzen Projektleiter, Kundenberater, Kreativdirektor und Artdirektor zusammen. Es geht um die Überarbeitung des CD, um den Direktvertrieb, um Fragen zu den Motiven. Vielleicht müssen die Entwürfe ganz neu gestaltet werden – und das bei dem eng gestrickten Zeitplan. Dazu Kundenmagazin, Rabatt-Broschüre. Trotz der Verantwortung und dem Wissen um die Bedeutung des Auftrags bleiben alle Beteiligten gelassen. Hektik und Druck, das wissen sie, bringen niemandem etwas, im Gegenteil. Was ihnen die Angst nimmt? Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten – und die Sicherheit, sich auf die Kollegen zu 100 Prozent verlassen zu können: gemeinsam – diese Überzeugung ist deutlich zu spüren – werden wir alles schaffen. Und wir werden es gut machen.

Kommunikation ist Präzisionsarbeit

Gut machen, es schaffen – das will auch Frank Jung. Der Mann, der in den 1980ern die ungewöhnliche Studienkombination Kunst und Mathematik gewählt hat, gilt als der Außenminister der Agentur, verantwortet als „kreativer Unternehmensberater“ die strategische Beratung von Kunden in den Branchen Energie, Lotterie und Healthcare (so die Homepage). „Ich bin unter anderem zuständig für das Neugeschäft, ich trete an, wenn es um Präsentationen geht.“ Die Art, wie er seine Hände beim Sprechen als Unterstützung des Gesagten einsetzt, wie seine Augen Überzeugungen ausdrücken, verrät, dass er zu denen in der Agentur gehört, die immer noch einen Schritt weiter gehen. Vielleicht, weil er gar nicht anders kann: „Man muss konsequent sein, es gibt nicht immer eitel Sonnenschein. Oft sage ich mir, da geht noch was. Mein ewiges Nachhaken, ob das, was wir geschaffen haben, auch wirklich das Beste für den Kunden ist – ich weiß, dass ich damit manchem Kollegen auf die Nerven falle. Aber um ehrlich zu sein: Ich bin froh darüber“, sagt Frank Jung und lächelt. „Die Schraube noch ein Stückchen anziehen und unsere Leistung damit noch besser machen, das zahlt sich meistens aus: Erst kürzlich hat eins seiner Teams in langwieriger geistiger Quälerei ein Kundenprodukt entwickelt, das sich 25 Prozent besser verkauft als das Vorgängermodell.

Eines seiner Erfolgsrezepte: „Ich achte auf das große Ganze, aber auch auf die kleinen Dinge, die das Bild erst stimmig machen.“ Er sei eben detailverliebt, er will immer 100 Prozent, sagt Frank Jung. Dazu passt, dass er der „Markenwächter“ der Agentur ist. „Das Thema Marke ist für mich heilig. Eine Marke ist emotional, sie sagt etwas über das Unternehmen und seine Produkte.“ Man muss der Marke mit Respekt begegnen und man sollte als Werber die Werkzeuge kennen, um als Unternehmen Erfolg mit der eigenen Marke zu haben. „Ich kenne die Werkzeuge“, sagt Jung, „und ich kämpfe für meine Überzeugungen, auch wenn mancher Kunde es vielleicht manchmal anders sehen mag.“

Wer die schwere Eichentür der Villa öffnet und eintritt, merkt dank der gediegenen, viele Laute schluckenden Holzausstattung von Entrée und Treppenhaus wahrscheinlich nicht auf den ersten Blick, wie viel Überzeugung hier herrscht. Spürt nichts vom täglichen Kampf um die beste Idee. Das wirklich Beste rausholen – das geschieht hier meist im Stillen. Das bestätigt auch Monique Cotte: „Hektisch ist es hier in der Villa eigentlich fast nie. Vielleicht einen Tag vor einer wichtigen Ausschreibung oder vor einem Pitch.“ „Sekt gibt’s hier selten – aber wenn, dann richtig“, meint Daniel Riethmüller. „Was für eine Riesenfreude, als wir SOLARWATT und den Rotary Verlag überzeugt haben.“

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